Nach 50 Jahren: Fazit eines Alt-Achtundsechzigers.

Das gilt sogar im doppelten Sinne, denn ich bin vor ein paar Tagen 68 geworden. 1968 war ich demnach 18.

Aufgewachsen in einem typischen Nachkriegs-Elternhaus (beim Hitler war nicht alles schlecht, wir bräuchten mal wieder einen kleinen Hitler etc.), war meine Jugend ein einziger Kampf. Gegen Spießbürger, gegen Altnazis, gegen arrogante Bildungsbürger, für die ich aus einer anderen Welt kam.

Diskussionen arteten fast immer in Brüllereien aus, da meine Eltern aus dem 1000-jährigen Reich offensichtlich nicht allzuviel gelernt hatten. In der Firma jagte man mich mit einer Schere durch die Lehrwerkstatt, um mir meine Gammlerfrisur zu stutzen.

Musik war mein Sprachrohr, „Niggermusik„, wie mein Vater sie nannte. Wir lebten in einer Zeit, in der an fast allen Schalthebeln der Macht ehemalige NSDAP -Parteigenossen saßen. Einer brachte es sogar bis zum Bundeskanzler. Politisiert war ich durch Bandkollegen, die samt und sonders die Weihen der höheren Bildung erfahren hatten. Bei uns Hauptschülern und Lehrlingen war das kein Thema, wie überhaupt sich kein Arbeiter von den Roten befreien lassen wollte. Andere Dinge standen im Vordergrund. Auto, Eigenheim, Zelten in Riccione.

Ich stand zwischen den Welten, bei meinen Kollegen war ich der Revoluzzer, bei den universitären Kadern wurde ich als Parvenu misstrauisch beäugt, oder als Quoten-Arbeiter benutzt.

Wie auch immer, wir haben die Welt verändert. Und wie. Alles aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, von Paragraph 218 bis hin zur Emanzipation der Frau, einiges hat sich tatsächlich geändert. Frauen müssen ihre Männer nicht mehr um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollen. Vergewaltigung in der Ehe ist , trotz heftiger Gegenwehr einiger CDU-Politiker (Norbert Blüm, Friedrich Merz, Hannelore Rönsch, Gerhard Stoltenberg,Theo Waigel, Burkhard Hirsch, Peter Ramsauer, Horst Seehofer , Dagmar Wöhrl , Erika Steinbach) strafbar. Bei der Steinbach wunderts nicht, bei Norbert Blüm schon eher. Das war 1997!! Die Grünen waren im Bundestag, und damals konnte man die sogar noch wählen.

Gorbatschow verstieg sich anlässlich eines Konzerts von Paul McCartney in Moskau gar zu der These, dass ohne die Beatles die Mauer nicht gefallen wäre.

Und heute? Statt eines Sozialstaats haben wir eine neoliberale Martwirtschaft. Toleranz ist in vielen deutschen (bzw. europäischen) Gegenden der Intoleranz gewichen. Die Braunen und ihre stillen Bewunderer stehen Gewehr bei Fuß. Wäre die wirtschaftliche Situation wie z.B. in Griechenland, röche es nach Bürgerkrieg. Die stärkste Oppositionspartei ist die AfD, eine Partei, durchsetzt von Rassisten. Man redet ungestraft davon „Leute zu entsorgen“, man redet von „Kameltreibern“, „Kopftuchmädchen und anderen Taugenichtsen“. Im Bundestag (der offiziell im „Reichstag“ untergebracht ist). Ungestraft.

Und die damaligen Revolutionäre? Viele weilen nicht mehr unter uns, der „bewaffnete Widerstand“ sitzt teilweise noch ein, ist auf der Flucht, oder lebt nach Verbüßung der Haftstrafe von Hartz4. Oder man arbeitet als Lobbyist für die ehemaligen Kapitalistenschweine.

Was haben wir erreicht? Wir stehen – wenn man sich die Beiträge und Kommentare in den asozialen Netzwerken betrachtet – politisch genau da, wogegen wir uns in den 60ern aufgelehnt hatten.

Die AfD hat nur 14%? Sie hätte wesentlich mehr, wenn alle ihre Anhänger sie wählen würden. Das tut der im Herzen Braune aber nicht, weil er denen die wirtschaftliche Kompetenz abspricht, denn „Asylantenflut stoppen“ als einziger Programmpunkt ist etwas wenig. Und weil ihm das Hemd näher als die braune Jacke ist, wählt er vorsichtshalber CDU oder FDP.

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