Das ist ein HILFERUF!

Es geht um unsere Freundin Vera, die einen sehr bescheidenen Wunsch hat. Sie möchte am Meer leben. Das ist allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Doch lest selbst Vera’s Text. Lösungsansätze werden dankend entgegengenommen. Vielleicht ist es im reichen Deutschland möglich, einem Mädchen mit einem sehr schweren Handicap zu helfen.

„Sieben Jahre ist es her, zwei Kussmunde auf meinem linken Bein sind geblieben. Abdrücke von Brandblasen, die aussehen, als hätten rot geschminkte Lippen mich geküsst. Ich saß mit dem Rollstuhl bis zu den Knien im Meer und merkte nichts davon. Seit dem war ich nicht mehr im Urlaub. 

Gemeinsam waren wir noch nie im Urlaub. Aber nicht deshalb. 

Mittlerweile müsste ich vier (Roll)stühle mitnehmen. Meinen Elektrorolli, meinen Faltrolli für alle Fälle, meinen Toilettenstuhl und meinen Duschstuhl. Wobei, letzteres ist immer noch ein gewöhnlicher Gartenstuhl, der findet sich überall. 

Aber wohin mit alledem? Wie soll das gehen? Das normale Gepäck von sieben Koffern ( 😉 ) für sämtliche Eventualitäten ist da ja noch gar nicht mit einberechnet. 

Außerdem fehlt es immer an Geld. Rücklagen können wir kaum bilden von dem, was da ist. 

Und wenn doch mal etwas übrig ist, dann kaufen wir das Notwendige und manchmal irgendetwas, das uns einfach nur Spaß macht. 

Warum also nicht dorthin ziehen, wo andere Urlaub machen. 

Ans Meer. 

Fast dreißig Jahre Köln. 
In absoluter Kurzfassung: Hier habe ich mein Abi gemacht, studiert, hier bin ich Frau und Ehefrau geworden, habe Freunde gefunden, mich ausprobiert und kennengelernt, hier wäre ich beinahe gestorben und hier habe ich überlebt. 

Neulich, als die Kölner Lichter im Fernsehen liefen, wäre ich, in Anbetracht all dieser Erinnerungen, fast wieder schwach geworden und beinahe doch hier kleben geblieben, wie all die Jahre zuvor, emotional und tatsächlich. 

Aber es ist Zeit, weiterzuziehen, das spüre ich jetzt auch, mein Mann war mir mal wieder voraus, ich hatte schon immer meine eigene Zeitrechnung. ( 😉 )

Für die echten Freundschaften spielt es keine Rolle, wo auf der Welt sich der jeweils andere befindet. Für Köln wird sich ohne uns zwei nichts ändern. 

Viele Freunde sind mittlerweile auch weitergezogen, quer verteilt in sämtlichen Bundesländern und Ländern. 

Diejenigen, die mit uns noch da sind, sind oft so in ihrem eigenen Alltag versunken, wie wir auch, dass man sich vielleicht nur noch ein oder zweimal im Jahr auf einen Kaffee trifft. 

Das Studium ist lange vorbei. Wir arbeiten beide von Zuhause und sind die meiste Zeit Zuhause. Und unser Zuhause ist schon lange nicht mehr an diesen Ort gebunden, nur aneinander. 

Wenn wir wirklich ehrlich zu uns sind, ist Köln nunmehr Erinnerung als unser Hier und Heute. 

Aber wenn von hier wegziehen, wusste ich: Liegt in der einen Waagschale Köln und in der anderen irgendeine andere Stadt, die nicht am Meer liegt, kippt es aus dem Gleichgewicht. 

Ich brauche das Meer. 

Waren meine Freunde im Urlaub, haben sie aus aller Welt an mich gedacht, mir unzählige Bilder und Videos geschickt. 

Und wann immer die Meeressehnsucht in mir allzu groß war, habe ich selbst danach gesucht. Aber das reicht mir nicht mehr. 

Ich will Meer. Die salzige Luft riechen und darin baden. Stundenlang dort sitzen. Einfach nur so dasitzen und aufs Meer schauen. Für mich ist dort alles beantwortet. 


Es wird sicher mindestens ein Jahr dauern, bis wir uns diesen Umzug leisten können, bis alles organisiert ist, bis Köln hinter uns liegt. Aber es beginnt damit, sich zu entscheiden. Alles andere wird sich fügen, ist die Entscheidung einmal gefällt und ausgesprochen. 

Ich könnte jetzt von Ängsten erzählen, die sind auch da gewesen. Gewohntes, vertrautes Territorium ist natürlich etwas ganz anderes als vollkommenes Neuland. 

Ich habe andauernd Angst, vor allem Möglichen und Nichtmöglichen. Je ausgelieferter ich bin, weil meine Muskeln nicht mehr so können, wie ich will, umso größer wird die Angst. 

Nichtsdestotrotz ist da jetzt einfach nur Vorfreude, Zuversicht, Vertrauen und ein gutes Gefühl, das richtige zu tun. 


Es gab in meinem Leben bisher nur dreimal Neuland, vor dem ich absolut keine Angst hatte, wohingegen andere, die auf eigenen Füßen stehen, womöglich genau davor den größten Schiss gehabt hätten. 

Als ich vor über fünfzehn Jahren mit einem eigentlich noch wildfremden Mann, der heute mein Mann ist, davongezogen bin, als ich vor vier Jahren ins Koma fiel und wieder aufwachte, und jetzt, als wir uns entschieden haben, gemeinsam an die Ostsee zu ziehen. 


Ich freue mich schon sehr darauf, wieder bis zu den Knien im Meer zu sitzen (ja, ja, diesmal benutze ich Sonnencreme und natürlich schicken wir euch Fotos! 😉 ) und nie mehr von dort weg zu müssen, weil der Urlaub vorbei ist. 

Gestern kam die Logopädin wieder zu uns, für meine wöchentliche Behandlung. Als Rainer ihr von unserem Plan erzählte, hatte sie plötzlich mein Leuchten in ihren Augen, als sie sagte: Ich sehe dich schon da sitzen, mit wehendem Haar.

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Über schwabenkrawall

Musiker, Freidenker, Schelm, Schreiberling
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