Referendum Türkei. Fremde Heimat. 

Meine Altvorderen kamen aus Serbien und Kroatien, wo die Familien seit Jahrhunderten als sog. „Reichsdeutsche“ lebten. Für die meisten Familienmitglieder war serbisch oder kroatisch eine Fremdsprache. Man blieb deutsch und war stolz darauf. „..sind wir stolz darauf, den Assimilierungsversuchen durch die Einheimischen erfolgreich widerstanden zu haben…“(Auszug aus dem Heimatbuch meiner Mutter) Dass meine Uroma einen Serben geheiratet hatte, wurde schamhaft verschwiegen. Immerhin konvertierte dieser zum Katholizismus, worauf er von seiner Familie verstoßen wurde.

Anno 33 fühlte man das deutsche Herz besonders heftig pochen, man war wieder wer. Man hatte einen starken Mann in der fernen Heimat und der Schlachtruf hieß:“Wir wollen heim ins Reich“. (Was bedeuten sollte, dass Jugoslawien dem deutschen Reich einverleibt werden sollte) Wie es ausging ist hinlänglich bekannt und der Ruf hieß nun: “ Wir wollen heim, uns reicht’s“. Ging aber nicht mehr. Die Familien befanden sich mittlerweile in Deutschland, in dem sich Oma und Uroma mit ihren schwarzen Kopftüchern sehr deplatziert fühlten. Man war schockiert, ob der Gottlosigkeit in der Heimat. Das „Jessmariaunjosef“ meiner Omas habe ich noch heute im Ohr.

Nun liegt mir nichts ferner, als Erdogan mit Hitler zu vergleichen. Außer den Autobahn – und den Protzbauten haben sie nicht viel gemeinsam. Hitler war ein Massenmörder, eine Bestie in Menschengestalt, Erdogan ist „nur“ ein narzistischer Autokrat. Ein Vergleich wäre außerdem eine unzulässige Relativierung des Holocaust.

Anyway, er ist der starke Mann für den Großteil der hier lebenden muslimischen Türken.(Aleviten und Kurden nehme ich mal bewusst aus). Man meint, es den Deutschen heimzahlen zu können, indem man mit „evet“ stimmt. Nicht nur den Deutschen, auch den Österreichern, den Belgiern, Holländern etc. Verblüffenderweise klappte die Integration in der Schweiz wohl besser, dort stimmte nur eine Minderheit für Erdogan.

Richtig, die Integrationsprobleme sind unübersehbar (wie bei meinen Altvorderen in Jugoslawien), aber ob dieses Referendum ein Mittel zur Besserung derselben ist, ist mehr als nur zweifelhaft.

Auf Facebook griff mich ein junger Türke an:“Was mischst Du Dich ein, was weißt Du von der Türkei??“ Ich habe mich auf den Disput eingelassen und es stellte sich heraus, dass er vor 35 Jahren hier geboren wurde. In den letzten 15 Jahren war er genau 5 mal in den Sommerferien in Anatolien gewesen. Istanbul und Ankara kannte er nur aus dem Fernsehen. Irgendwie wusste er über die Türkei auch nicht mehr, als meine Vorfahren über Deutschland wussten.

Im Gegensatz zum damaligen Deutschland sind Städte wie Istanbul und Ankara weltoffen. Die Wahlergebnisse in den Metropolen sprechen für sich und die Auslandstürken waren das Zünglein an der Waage. Ohne diese Stimmen wäre Erdogans Plan krachend gescheitert. 

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Diejenigen, die im sicheren Ausland leben, ihren Landsleuten daheim eine Autokratie + Todesstrafe beschert haben. Wäre ich ein Demagoge, würde ich sagen „Dann geht doch zu eurem Sultan“. Bin ich aber nicht. Bleibt hier und schaut aus sicherem Abstand auf ein Land, in dem qua Definition Erdogans die Hälfte der Bevölkerung aus Terroristen/Antiislamisten oder Gülenanhängern besteht. Viel Spaß dabei.

Achja: „Ein starkes Volk braucht keinen Führer“

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Über schwabenkrawall

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2 Antworten zu Referendum Türkei. Fremde Heimat. 

  1. Andreas schreibt:

    Sehr schön versachlicht – Danke dafür! Vielleicht ein kleiner Zusatz noch zum letzten Absatz: „Und falls ihr die doppelte Staatsbürgeschaft besitzt, dann passt auf, dass ihr bei eurem nächsten Urlaub im Heimatland (?) nicht in den Terroristen-, Antiislamisten- oder Gülenanhängertopf gesteckt werdet…geht ganz schnell, wenn Herr E. gerade nicht gut drauf ist!“

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