Mein Migränehintergrund….

Die Rede soll hier nicht davon sein, dass ich unter einer Augenmigräne leide http://de.wikipedia.org/wiki/Aura_(Migr%C3%A4ne), die zwar sehr verstörend und unangenehm ist, die aber nach ca. 30min wieder verschwindet.

Meinen Migrationshintergrund – wie es natürlich korrekterweise heißen muss – schleppe ich jedoch schon seit mehr als 61 Jahren mit mir herum..

Weshalb ich einen Migrationshintergrund habe? Schließlich bin ich hier geboren und habe einen deutschen Namen. Außer Deutsch spreche ich nur ein wenig Englisch und mein ganzer Habitus ist alles andere als ausländisch.

Hitler ist daran schuld. Wenn dieser Herr (der ja eigentlich auch Migrant war) nicht sein Unwesen getrieben hätte, wäre ich vermutlich in Kroatien oder Serbien zur Welt gekommen.

Dort allerdings auch mit MH (das Wort ist mir zu lang, ich kürze das hinfort ab), weil meine Eltern schließlich irgendwann einmal aus Deutschland eingewandert waren. Wann und woher das genau war, entzieht sich meiner Kenntnis. Dort blieb man Deutsch. Integration war nicht nur ein Fremdwort, sondern gelebte Verweigerung. Darauf ist man bis heute ebenso so stolz, wie man in denselben Kreisen darüber wütend ist, dass unsere Türken ihre Identität behalten wollen. Das sei nur am Rande erwähnt

Wegen des Führers Kriegsgelüsten kam mein Vater – der i.Ü. kein Heimatvertriebener im klassischen Sinne war – mit Mutter und Geschwistern als Rüstungsarbeiter nach Deutschland. Vermutlich erhoffte man sich im Reich eine bessere Zukunft, denn mein Großvater war bei einer Auseinandersetzung von seinem Schwager erstochen worden und der Ernährer der Familie fiel somit aus.

Worum es dabei ging liegt im Dunkel, es wurde jedenfalls nie darüber gesprochen.

Ich weiß nur, dass der Täter nie zur Verantwortung gezogen wurde, da er sich – ebenfalls nach Deutschland – abgesetzt hatte.

Man ließ sich väterlicherseits in Stuttgart nieder, wo beim Rüstungskonzern Mahle gearbeitet wurde. In Zuffenhausen wohnte man, das passte gut, denn nach dem Krieg kamen die Heimatvertriebenen aus Jugoslawien ebenfalls auf die schöne Schlotwiese, mit ihren malerischen Baracken. Der Geruch nach feuchter Braunkohle haftet bis heute in meinem olfaktorischen Gedächtnis.

Dass mein Vater eigentlich Stjepan hieß und mein Onkel Iwan, war ein wenig dubios, allerdings waren diese Anreden streng verboten. Hans, Maria, Appolonia, Stefan und Onkel Anton, oder auch Tontschi. Auch meine Oma hieß Appolonia. Alles schöne deutsche Namen, nicht wahr? Der Familienname schrieb sich am Anfang Klayner, soweit mir das in Erinnerung ist. Trotz und alledem, man war so deutsch wie man nur sein konnte.

Zur Wehrmacht musste mein Vater nicht, da er so clever war, bei Razzien der Feldjäger seinen Fremdarbeiterausweis zu präsentieren. (warum er einen solchen hatte, wenn er doch Deutscher war, ist mir unklar..:)

Wie auch immer, nicht zuletzt war es wohl diesem Umstand geschuldet, dass meine Staatsangehörigkeit etwas… wie soll ich sagen…nebulös war. Da ich dies aber bis zu meinem 28. Lebensjahr nicht wusste, war es mir lange egal.

Eine Hummel ist schließlich nach Berechnungen von Biomechanikern auch nicht in der Lage zu fliegen. Da sie dies jedoch nicht weiß, fliegt sie trotzdem.

Meine Mutter kam auf sehr verschlungenen Wegen nach Deutschland. Auch sie war während des Krieges in Berlin in der Rüstung beschäftigt. Sie hatte mir einmal erzählt, dass es oft wenig bis gar nichts zu essen gab und sie einen Berliner einmal fragte, wo man denn etwas „hamstern“ könne: „Uff’m Land bei Grünheide ist’n Jut, da könn’se ma’ frag’n“ Meine Mutter war sehr erstaunt, dass es immer noch einen Juden geben sollte, der etwas zu Essen verkaufte…. Das „Jut“ hatte sie wegen mangelnder Berliner Dialektkenntnisse missverstanden….

Irgendwann kam man auf die hirnverbrannte Idee, zurück nach Serbien zu gehen, mitten im Kriegsende. Kaum dort angekommen, mussten sie auch schon wieder flüchten.

Vermutlich hatte man gedacht, als halbe Serben (Mein Uropa war Serbe) würde das schon gut gehen. Ging es nicht, der deutsche Anteil war überwiegend und man konnte ja nicht nur teilweise dortbleiben. Über Dänemark!! ging es wieder zurück nach Deutschland… Wie die da wohl hin kamen?…. Meine Mutter hatte es mir einige Male erklären wollen, aber das war so kompliziert, dass sie es wohl selbst durcheinander brachte.

Jedenfalls landete man irgendwann in der Oberpfalz und von dort ging es teils nach München, teils nach Stuttgart und Heilbronn. Es war eine sehr weitläufige Familie und alle auf einmal konnten nicht in derselben Stadt untergebracht werden. Schließlich war irgendwann Endstation in Waiblingen, wo man als Nachbarn von Dr. Biolek (genau, der Vater des Hobbykochs) in einem Kellerverschlag in der Martin-Lutherstrasse unterkam.

Irgendwann folgte mein Großvater…allerdings nicht allein….. Er hatte sich nach Kriegsende aufgrund seiner Sprachkenntnisse – fließend russisch, serbokroatisch und ungarisch – als Einheimischer ausgeben können (Er hatte schwarzes Haar und sah eher wie ein Zigeuner als ein Deutscher aus)

In Ungarn blieb er auf einem Bauernhof hängen und verliebte sich dort in die Tochter des Hauses. Warum er nicht dortgeblieben ist, habe ich nie erfahren, denn wir Kinder durften bis zu seinem Tod nicht mit ihm reden. Das war uns von unserer Großmutter, die sich zeitlebens weigerte in die Scheidung einzuwilligen, strikt untersagt worden. Wir hörten immer nur vom Sendelbach und seinem Luder…Sollte ich als Kind jemals jemanden aus dieser Familie auf offener Strasse angespuckt haben…es tut mir leid, ich wusste es nicht besser.

Heute kann ich mich in die verzweifelte Lage meines Großvaters aus den verschiedensten Gründen hinein versetzen und ich leiste Abbitte.

Meine Eltern lernten sich auf einem Tanzvergnügen im Jahr 47 kennen und heirateten in demselben, da mein Bruder sich ankündigte… auch ein Fünfmonatskind….:) Mein Vater war gerade einmal 20 und meine Mutter 21 und beide waren natürlich bestens darauf eingestellt Kinder und Familie zu haben. Meine Mutter hatte mir später einmal erzählt, dass sie bis zur Geburt meines Bruders davon überzeugt war, Kinder würden durch den Bauchnabel zur Welt kommen. Man war nicht sehr aufgeklärt, in jenen Zeiten.

So gings dahin….

Meine Jugend habe ich ja an anderer Stelle schon ausführlich geschildert, aber dabei die Tatsache unerwähnt gelassen, dass wir alles andere als willkommen im Schwabenländle waren. „Ihr Zigeiner, ganget z’rick wo ‚ner herkomme sen, ihr Pack!!!“ Solche derben Beschimpfungen hörte man nicht selten, auch wenn sich mein Vater bemühte, schwäbisch zu sprechen und in sämtlichen Vereinen, die dem gepflegten Feierabendbier zugetan waren, Mitglied – oder zumindest Gast – war.

White Trash, so würden uns die Amis wohl genannt haben.

Wirtschaftlich ging es, dank der Geschäftstüchtigkeit meiner Mutter, bergauf. Man hatte bereits 1954 , rechtzeitig zur WM in Bern, einen Fernseher und nicht viel später fuhr man in einem roten Opel Rekord durch die Gegend.

Meine weitere Jugend und die daraus resultierenden Widrigkeiten habe ich ja bereits an anderer Stelle geschildert.

Achja, mein Migrationshintergrund….Als ich 1978 heiratete, fiel der Standesbeamtin auf, dass ich eigentlich staatenlos wäre…?? Ich war baff, aber nach Zahlung eines Monatsgehaltes war ich dann ein richtiger Deutscher…wenigstens dem Papier nach…

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Über schwabenkrawall

Musiker, Freidenker, Schelm, Schreiberling
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3 Antworten zu Mein Migränehintergrund….

  1. joschi nebl schreibt:

    hallo Bernd , sehr interessant ! Ich versuche meine Ahnen zu finden DETECTIVE arbeit ! Ich weiss nur das ein Man ( JAKOB NEBL ) aus dem SCHWARZWALD der erste NEBL war den wir gefunden haben . Er war nicht verheirated ? Ob er abhauen musste ? oder freiwillig ging ? wissen wir nicht ! Es sollte spaet im 1600 jahrgang / oder frueh im 1700 gewesen sein . Wir wissen auch nicht ob er ein Handwerker war , weil doch die meisten „AUSWANDERER“ Handwerker waren oder Bauern .

    • schwabenkrawall schreibt:

      Hi Joschi. Schön, dass du meinen Blog liest, das freut mich besonders. Leider ist bald niemand mehr da, den wir fragen können- Es liegen ja schon die Kriegs und Nachkriegswirren im Dunkel und ich ärgere mich, dass ich meine Eltern nicht genauer befragt hatte. Aber damals hing mir das Thema zum Hals raus und ich wollte nicht zuhören, wenn man von „d’rhoim“ erzählte. Auch der Dialekt geht verloren, oder weißt du noch, was eine Debsi oder Umoze sind?

    • schwabenkrawall schreibt:

      Achja, ich arbeite grad an einem Bericht über meine Australien-Reisen. Ich denke der wird heute noch fertig

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