Rentner kaufen sich sofort nach Antritt des Ruhestandes ein neues Auto. Das ist ein Naturgesetz. Ich habe keine Ahnung weshalb das so ist, aber ich kann gegen Naturgesetze auch nichts machen.
Ein SUV sollte es sein….Boaaaaahhhh. So teuer?????
Statussymbol muss nicht sein, SUV aber schon und ich hatte schon länger ein Auge auf den Duster von Dacia geworfen. Da beim Händler zufälligerweise gerade das Modell feil geboten wurde, das meinen Wünschen entsprach (Jules auch, wir haben immer die gleichen Wünsche…;) waren wir Ruck zuck Eigentümer eines Duster cdi, 110Ps Turbodiesel Allradantrieb (na, wenn schon?) Lederausstattung, alles piekfein. Der Wagen musste ordentlich probegefahren werden und so kamen wir auf die Idee, einmal rings um Deutschland zu fahren ohne die Autobahn zu benutzen. …Was wir auch bis auf ein kurzes Stück Stadtautobahn in Berlin schafften. Die mussten wir benutzen, weil ein Taxistreik die ganze Innenstadt lahm gelegt hatte.
Rheinland
Von Weinstadt ging’s zuerst Richtung Mainz, Jules Bruder besuchen. „A schee Auto haste“, bemerkte dieser auf gut pfälzisch. Nachdem wir uns Tipps für die Tour geben ließen (Raimunds Hobby ist die Genealogie und da wir auch Richtung Mecklenburg wollten, sollte dort nach Ahnen geforscht werden) ging es weiter den Rhein hinunter. Mir ist das immer etwas unklar, da wir ja nach Norden HINAUF fahren, den Rhein aber HINAB.
Erste Station war Rhens, ein kleines Städtchen mit überhaupt nicht kleinen Preisen. Für ein Hotelzimmer, das den Namen nicht verdiente, mussten wir 80 Euro ablatzen…..Nix wie weg hieß es nach einer Nacht.
Ostfriesland
Wir fuhren den nächsten Tag durch, bis Greetsiel am äußeren Nordwesten unserer Republik. Flach….sehr flach… Wo ist das Meer?? Immer hinterm Deich. immer…und meist hatte sich das zurückgezogen, sobald wir die Deichkrone erreichten. Gottseidank hatten wir Schneeregen ab dem zweiten Tag, und so konnte ich mich erstmal in der Ferienwohnung (35€ die Nacht!!!) von den Reisestrapazen erholen. Am ersten Tag hatten wir frühmorgens um halb neun den Hafen von Greetsiel aufgesucht. Glücklicherweise so früh. Da es Karsamstag war, hatte sich der ruhige Fischerhafen im Nu in einen Rummelplatz verwandelt. Nun gut, wir hatten’s gesehen und ich muss konstatieren: „schön“
In Neuharlingersiel erlebten wir Kriminelles hautnah. Im Hafenbereich flanierten wir, wie hunderte Andere auch. Auf einmal hieß es: „ Meine Handtasche!!!!!!“ und im selben Moment stürmte der junge Handtaschenräuber an uns vorbei, zwei Jungs von 16,17 verfolgten ihn.
50 Meter lang ging’s gut, aber dann stand da ein Eishockeyspieler (Verteidiger) oder Catcher (der Böse) im Weg. So genau weiß ich’s nicht, aber der Statur nach könnte er eines von beiden gewesen sein. Kurzer Bodycheck und der Dieb klebte an einer Mauer, wo ihn der Catcher oder Eishockeyspieler mit einer Hand am Kragen festhielt und mit der anderen nach der Polizei telefonierte. Ich begann spontan Beifall zu klatschen und das restliche Publikum fiel mit ein. Das war das Aufregendste, das wir in Ostfriesland erlebten. Gut, in Emden wurde ich noch in einer 30er Zone geblitzt, aber das war eher ärgerlich denn aufregend. Achso, die Osterfeuer…Köm und Bratwurst…
Nach 3 Tage fuhren wir weiter Richtung
Nordfriesland
Nordfriesland ist eher NOCH flacher als Ostfriesland, aber hier konnte ich etwas Kurioses lernen. Das Schafe-aufstellen. Vor der Schur haben die Viecher so viel Wolle am Leib, dass sie bei starkem Regen unter Umständen vom Gewicht der Wolle zu Boden gezogen werden.
Dort bleiben sie dann auf der Seite liegen, bis einer kommt und sie wieder aufstellt. Das erzählte uns zumindest unser Facebook-Freund Alex, mit dem wir eine kurze Sight-seeing-Tour unternahmen, wobei wir auf Deichwegen rumheizten, auf die wir uns ohne lokale Begleitung nicht getraut hätten.
Die Fähre von Wischhafen brachte uns über die Elbmündung nach Glückburg. Auf diese Weise entkamen wir dem Trubel rings um Hamburg.
Weil wir nichts Neues in der Gegend fanden, das es sich lohnte anzuschauen (Die Krabbenbrötchen im Husumer Hafen waren allerdings sehr gut) beschlossen wir, an die
Ostsee
weiter zu fahren. Das war ein anderer Schnack, da sieht man das Meer! Hach, wie schön.
In Schönhagen, unweit der Schlei, mieteten wir uns in einem dänischen Holzhaus ein, das von „Novasol“ angeboten wird. Sehr schön, wir hätten’s am liebsten abgebaut und mitgenommen. Meer direkt vor dem Haus, keine Sau da, außer uns. Naja, bei dem Wetter…Jule:“ Die Sonne scheint, aber es ist kalt“ Jule:“ Es regnet, aber es ist gar nicht sooo kalt“. Alle halbe Stunde wurde der Wetterbericht aktualisiert. Es war trotzdem so schön, dass wir eine ganze Woche blieben. Das war allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass Jules Schwester Geli und ihr Mann deren Jacht im Flensburger Hafen zu liegen hatten. Da die Beiden am 27.Mai zu ihrer Weltumseglung starten, musste auch Abschied genommen werden. In unserm Alter weiß man ja nie, ob man sich nochmal sieht..
Das Boot musste besichtigt werden. 36 Fuß lang und alles da, was der Mensch braucht. Trotzdem sehr mutig..2o Tage auf offener See..Der Wagen der Beiden musste in die Werkstatt und so konnte ich mich nützlich machen. Bernd (Jules Schwager hört auch auf diesen schönen Namen) fuhr vornweg, ich hinterher. Als wir in Dänemark waren, wurde umgekehrt, denn da war die Werkstatt nicht. Nach einigen Wendemanövern fanden wir sie schließlich doch noch.
Immerhin kam ich so zum Zweiten Mal in meinem Leben nach Dänemark….wenn auch nur für 200m.
In Kiel besuchten wir unseren Facebook-Freund Chris und machten mit ihm eine Landpartie. Kieler Förde, sehr schön. Auch Schleswig ist einen Besuch wert. Kappeln mit seiner Zugbrücke sowieso. Die funktioniert zwar die meiste Zeit nicht, aber WENN sie mal alle Viere in die Luft streckt ist das sehr imposant.
Doch irgendwann muss man weiter. Das nächste Ziel war die
Müritz
Der größte See Deutschlands ist der Bodensee? Weit gefehlt. Es ist die Müritz, da der Bodensee auch zur Schweiz und Österreich gehören.
Allerdings ist die Müritz eher ein weit verzweigtes Netz von großen und kleinen Seen, die alle miteinander verbunden sind. Das ist zwar inhaltlich nicht ganz richtig, aber es kommt einem so vor, da man durch die vielen Buchten selten einen Blick auf den ganzen See hat.
Schöne Ferienwohnung in Röbel, ein schmuckes Städtchen. Immerhin konnte aufgrund eines Navigationsfehlers (wir landeten auf einer Sandpiste im Wald) endlich einmal der Allradantrieb getestet werden. Nun ja, wir wären vermutlich auch ohne weitergekommen, aber immerhin weiß man jetzt, dass er funktioniert.
Von Röbel aus starteten wir ins Umland, Güstrow und in der Nähe Oettelin, wo die Vorfahren Jules lebten. Auf einem Miniaturfriedhof fanden wir die Grabstellen ihrer Großtanten und eines Großonkels. In Röbel musste abends auf den Marktplatz gefahren werden um unsere Facebook-Seite zu bedienen, denn die Netzabdeckung war auf dem platten Land miserabel.
Auf dem Marktplatz ging das ziemlich gut und man konnte zu Facebook noch ein Fischbrötchen vom nahe gelegenen Kiosk verdrücken. In der Nähe war eine Fischzucht, die an einem schön gelegenen Teil der Müritzkanäle ein Holzhaus mit Restauration betrieb. Dort führten auch Kanutouren vorbei, oft mit Japanern. Nun ist der gewöhnliche Japaner nicht mit europäischen Gepflogenheiten vertraut. Und so passierte es, dass eine Japanerin mit Rettungsweste an mir vorbeiging und just in dem Moment, als ich in meinen Weißfisch beißen wollte, einen „Grünen“ so richtig aus dem Hals vorholte und direkt neben meinem Tisch auf den Boden rotzte. „Du Drecksau“ rief ich ihr ziemlich laut nach, aber die Dame verstand mich ebenso wenig, wie ich die Asiaten jemals verstehen werde. Vielleicht sollten Reiseleiter ihre Gäste daraufhin briefen, was hier geht und was nicht. Ich selbst habe in jedem der mehr als 50 Länder, die ich bereiste in „Marco-Polo“ die Rubrik „Bloß nicht“ aufmerksam gelesen.
So schön es dort auch war, es musste weitergehen und so starteten wir durchs Havelland in Richtung
Berlin
In Berlin Spandau besuchten wir eine Facebook-Freundin, bei der wir auch nächtigten.
Unsere Marianne nahm uns in ihren Segelclub an der „Scharfen Lanke“ mit. Sehr schöne Gegend, die wir von früheren Berlinbesuchen noch nicht kannten. Es wurde Spargel mit Schnitzel gereicht. Frühstück sehr nobel bei unserer Freundin. Auf diesem Weg noch einmal vielen Dank für Alles, liebe Marianne.
Allerdings wurde in Berlin auch die eiserne Regel gebrochen, keine Autobahnen zu befahren. Als wir Richtung Süden starteten, war in Berlin ein Taxifahrerstreik, verbunden mit Blockade der Innenstadt. Auf der Stadtautobahn ging’s aber vorwärts. Durch den Spreewald (Regen, grau, trostlos) ging es Richtung Bad Schandau ins
Elbsandsteingebirge
Sachsen. Hier waren wir Beide noch nie. Beeindruckende Felsformationen links und rechts der Elbe. Unsere Ferienwohnung lag direkt an der Elbe, vor uns nur die Flutwiesen und in einer Minute waren wir zu Fuß am Ufer. Da saßen wir einen halben Nachmittag, ich spielte Gitarre und die Schaufelraddampferr erinnerten an Huckleberry Finn. Allerdings sprach der nicht sächsisch, aber darüber sollte man als Schwabe nicht lästern.
Natürlich fuhren wir auch nach Dresden, Zwinger, Frauenkirche. Das musste ja besichtigt werden. Jule lotste mich. Da links rum, fahr doch mal da rein, aha. Plötzlich standen wir direkt auf dem Platz vor der Frauenkirche. Auffallend war, dass wir das einzige Auto auf dem Riesengelände waren und dass die Japaner begannen, uns zu fotografieren. Vermutlich hielten sie uns für Prominente, denn wer fährt schon mit dem Auto mitten auf einen Platz mit totalem Autoverbot. Egal, jetzt waren wir schon mal da. „Wart mal hier, ich muss noch Karten kaufen” sagte Jule und ich versuchte möglichst neutral zu schauen, wenn wir wieder mal von den Japanern fotografiert wurden. Zu guter Letzt fanden wir kaum noch einen Ausgang, denn überall waren Schranken. Keine Ahnung, wie wir da rein geraten waren, aber irgendwie gelangten wir über den Hinterhof eines Lokals in die Freiheit. Das war knapp…
Die Bastei im Elbsandsteingebirge ist zwar ein gewaltiger Anblick, der jedoch dadurch getrübt wird, dass ringsum ein regelrechter Jahrmarkt herrscht. Fast wie in der Drosselgasse in Rüdesheim. Trotzdem möchte ich sagen, dass diese Gegend der Höhepunkt unserer Reise war.
Nach 4 Tagen reisten wir über Thüringen nach Franken und landeten schließlich am
Altmühlsee,
dem letzten Zwischenstopp unserer Reise. Wir blieben 3 Nächte und fuhren tagsüber ein bisschen in der Gegend umher. Dinkelsbühl, Feuchtwangen, Weissenburg. Alles sehr geschichts- – und fachwerkträchtig. Den Rest der Zeit verschliefen wir an diversen Ufern des Altmühl und Brombachsees. Es sind schöne Gebiete, aber nachdem wir zuvor nur an natürlichen Gewässern waren, bei dem gewachsene Dörfer bis an die Ufer heran reichten, waren wir doch etwas enttäuscht von der künstlichen Seenlandschaft.
Egal, zum Ausruhen war’s okay und so konnten wir am letzten Tag die restlichen Kilometer in Angriff nehmen. Nach fast 4700km waren wir nach 3,5 Wochen rings um Deutschland wieder zu Hause. Durchschnittsverbrauch: 5,8l Diesel/100km. Das ist für einen SUV sehr wenig. Deshalb – und da sich Dusterfahrer unterwegs grüßen – haben wir den Kauf bisher nicht bereut.
Mal schauen, wo’s als nächstes hingeht. Ich werd’s Euch wissen lassen.
Nachtrag: Wir möchten uns bei allen Hessen entschuldigen, denn das war das einzige Bundesland, das wir nicht frequentierten. Wir fuhren ja um Deutschland rum und Hessen liegt dummer Weise genau in der Mitte….
Ich lese ja sonst ungern Reiseberichte. Aber der hat mich überzeugt
) Köstlich beschrieben ist noch untertrieben (hey, es reimt sich sogar!). Und ja…an der Müritz ist es schön, schön und nochmals schön
! Und in Thüringen gab es sicherlich zu jeder Mahlzeit Klöße, gelle?
oh, falsch geklickt (mir gefiel doch der Artikel und nicht der Kommi…*kopfklatsch*)
Uli, ich hab noch viel mehr aus aller Welt in den Themen: Reisen>die Reisen des B.K. von A-Z. Darin liegt auch der Grund, Deutschland zu bereisen. Es soll mir niemand vorwerfen von Alaska bis Feuerland, von Kairo bis Kapstadt, von Hongkong bis Neuseeland gereist zu sein, aber die eigene Heimat nicht zu kennen.
Klöße gibts von Sachsen bis Franken.